Geschichten aus Hamburgs Geschichte
Das Wappentier
Die Alsterschwäne symbolisieren seit Jahrhunderten Hamburgs Unabhängigkeit.
Zeichen selbstbewusster Unabhängigkeit
Ein Blick in die alte Zeit erhellt die Frevelhaftigkeit dieses Tuns. Schon vor knapp tausend Jahren, als Hamburg noch den über Stormarn herrschenden Schauenburger Grafen gehörte, zierte ein Schwan deren Wappen. Bald prangte der sagenumwobene und in der Antike als heilig verehrte Vogel auch auf dem dänischen Wappen und an zahlreichen Bauernhäusern in Norddeutschland.
Nach dem Aufstauen der Alster im Herzen Hamburgs wuchs der Bestand der bis zu 20 Kilogramm schweren Höckerschwäne merklich. Zwar avancierte Hamburg erst 1618 zur Freien Reichsstadt, war aber schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts weitgehend selbstständig. Als Zeichen dieser Unabhängigkeit nahm der selbstbewusste Senat die Haltung von Schwänen für sich in Anspruch. Dabei handelte es sich um ein Privileg, das eigentlich nur den herrschenden Grafen, Herzögen und Königen vorbehalten war.
Ein als "Mandat" bezeichnetes Schriftstück vom 12. Juni 1664 gilt als Beleg für die hinter der Schwanenhege stehende Haltung. Die Verordnung bestimmte, "1) daß niemand die Schwäne auf der Alster beleidigen soll, und 2) nur die Bürger auf derselben fischen und diese die Schranken der Freyheit nicht übertreten sollen". Fortan war es demnach verboten, die Tiere zu "beleidigen", zu verletzen oder gar zu töten. Wer dagegen verstieß, musste drei Taler Strafe zahlen oder ersatzweise drei Tage ins Gefängnis. Das Mandat wurde später mehrmals bestätigt und gilt als erste Rechtsverordnung zum Tierschutz in Hamburg.
Bedrohung durch Vogelgrippe und Sportler
Noch heute sind die Schwäne den Hamburgern lieb und teuer. Das belegt der avisierte Neubau des Schwanenhauses am Eppendorfer Mühlenteich, wo die stolzen Tiere alljährlich ihr Winterquartier nehmen. Der Bund fördert das 3,4 Millionen Euro teure Projekt mit 1,3 Millionen. Michael Werner-Boelz, Leiter des zuständigen Bezirksamts Nord, begründete die Notwendigkeit der Maßnahmen wie folgt: "Wegen der Vogelgrippe mussten wir in den vergangenen Jahren immer wieder Zelte aufbauen, um die Schwäne vor einer Infektion zu schützen. Das ist nicht nur aufwendig, sondern auch kostspielig." Die bestehende Infrastruktur reiche schon lange nicht mehr aus.
Normalerweise leben auf Hamburgs Gewässern rund 120 der Wasservögel mit dem langen Hals. Doch die letzte Welle der Vogelgrippe reduzierte den Bestand am Ende des Winters 2022/23 auf 65 Exemplare. Im Mai waren es wieder 80 - dank einiger zugeflogener Tiere. Nicht nur immer wiederkehrende Epidemien setzen den sensiblen Vögeln zu, sondern auch rücksichtslose Freizeit- und Wassersportler, die die Tiere im Frühjahr beim Brüten und im Sommer bei der Aufzucht der Küken stören. Seitdem das Stand-up-Paddling in Mode gekommen ist, ist es für Schwanenfamilien immer schwerer geworden, geeignete Brutplätze zu finden.
Mehr als vier Jahrhunderte Schwanenhege
Die besondere Zuwendung zu den majestätischen Vögeln, die symbolisch für die Freiheit und Unabhängigkeit Hamburgs stehen, ist seit 1591/92 belegt. Laut einer Mühlenabrechnung verfütterten die Stadtoberen schon damals Hafer und Gerste an Schwäne. Seit 1674 ist eine Aufsichtsperson für die Tiere zuständig. Zuerst war es der Mühlherr, seit 1818 kümmert sich ein von der Stadt besoldeter Schwanenvater um die auf der Alster und deren Nebengewässern lebenden Vögel.
Übrigens: Auch beim traditionellen Matthiae-Mahl des Senats, dem historisch belegt seit 1356 gepflegten ältesten Festbankett der Welt, spielt der Schwan eine Rolle. Wurde jedem hochherrschaftlichen Gast anfangs noch eine Pastete aus dem Brustfleisch junger Schwäne kredenzt, so ist dieser Gang längst von der Speisekarte gestrichen worden. Doch noch heute ziert ein vergoldeter Schwan die Kannen, in denen der Wein gereicht wird.
Bildergalerie
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Autor: Volker Stahl
Fotos: Ansichtskarten: © Archiv stahlpress
HBZ · 01/2024
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