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Honoré de Balzac (1799 -1850)

Eugénie Grandet - ein Beispiel aus der Menschlichen Komödie

Hatte Balzac schon früher den Einfall gehabt, ältere Romane - im Milieu leicht verändert, aber mit wiedererkennbaren Figuren versehen - verkaufsfördernd in einem Band mit neuen Arbeiten zu kombinieren, so war dieses Projekt 1841 zu einem weitgreifenden, strukturierten Programm entwickelt.

Eugénie Grandet - ein Beispiel aus der Menschlichen Komödie
Ausschnitt einer Daguerreotypie Balzacs von Louis- Auguste Bisson (1814 - 1876)
Er wollte ein umfassendes (Sitten-)Gemälde seiner Zeit entwerfen.

"Die Unermesslichkeit eines Planes, der zugleich die Geschichte und Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien umfasst, berechtigt mich […] meinem Werk den Titel zu geben, unter dem es heute erscheint: Die menschliche Komödie."

Selbstbewusst und etwas vage orientiert sich Balzac an der Göttlichen Komödie, dem berühmten Epos des mittelalterlichen Dichters Dante, der seine Leser aus den Irrwegen seiner Zeit durch die Hölle und das Fegefeuer ins Paradies geleiten wollte. Balzac gliedert es in drei Hauptteile: Sittenstudien, Philosophische Studien und Analytische Studien. Dazu gibt es zahlreiche Untergruppen, die Romane und Erzählungen aus verschiedensten Lebensbereichen enthalten. Balzacs vermutlicher Endzweck: wie Dante den Menschen zur Selbsterkenntnis und zur Besserung seines Loses zu führen.

Das Werk sollte 137 Schriften umfassen, wozu ihm sein Verleger ein langes Leben wünschte. Bei einem Arbeitspensum von täglich 17 Stunden und mehr, von Unmengen schwarzen, exquisiten Kaffees unterstützt, wurden bis zu Balzacs Tod insgesamt 91 Bücher fertig.

"Eugénie Grandet"


In der Gruppe, betitelt "Szenen aus dem Provinzleben", die Balzac dem "Alter der Leidenschaften, der Berechnungen, der Interessen und des Ehrgeizes" gewidmet hat, befindet sich der Roman Eugénie Grandet von 1833.

Eugénie ist die Tochter Grandets, eines Böttchers und ehemaligen Bürgermeisters von Saumur, einer Kleinstadt im Weinbaugebiet an der Loire. Durch Immobilienkäufe, unfaires Spekulieren, Ausbeutung seiner Pächter und sparsames Haushalten häufte Grandet in der Zeit der Revolution und den folgenden restaurativen Jahrzehnten ein Vermögen an. Die genaue Höhe können selbst Frau und Tochter sowie die beiden ihm bekannten Bankiers- und Anwaltsfamilien nur erahnen. Als Alleinerbin wird Eugénie von beiden hofiert.

Ehe Balzac Eugénie vorstellt, beschreibt er das uralte, nie renovierte, aber malerische Haus, in dem der alte vitale Geizhals energisch regiert. Er lebt dort mit seiner demütigen, vertrockneten adligen Ehefrau, seiner bescheidenen 21-jährigen Tochter und der gutmütigen, ihm ergebenen Magd Nanon. Sie halten sich meist im dürftig möblierten "Salon" auf, der allein vom Tageslicht und Talglicht beleuchtet und nur von November bis März beheizt wird. Gesellschaft erhalten die Damen durch Eugénies Verehrer aus den Bankiers- und Anwaltsfamilien, die sich abendlich mit konkurrierenden Blumensträußen zum Kartenspiel einfinden. Dann stört ein Ereignis die trübsinnigverträumte Atmosphäre auf: Eugénies Cousin Charles trifft ein.

Sein Vater hat ihn von Paris nach Saumur in die Obhut Grandets geschickt. Aus einem Begleitbrief erfährt dieser, dass sein Bruder Bankrott gemacht und sich erschossen hat. Eugénie, ihre Mutter und die Magd, von Mitleid erfüllt, versuchen dem ahnungslosen jungen Dandy, trotz Angst vor Grandet, mit ihren beschränkten Mitteln den Aufenthalt angenehm und tröstlich zu gestalten. Eugénie und Charles verlieben und verloben sich.

Grandet, der den "verweichlichten" Neffen nicht leiden kann, stattet ihn mit einer Ladung Handelsware auf Kredit aus. In Indien soll er seinen angeschlagenen Ruf als Sohn eines Bankrotteurs wiederherstellen. Nach sieben Jahren, in denen Eugénie vergeblich auf eine Nachricht gewartet hat, erfährt sie von seiner Rückkehr nach Paris. Als harter Geschäftsmann, im Ausland reich geworden, wertet er die Verlobung mit seiner Cousine als rührenden Unsinn, da er im Begriff ist, sich zur Förderung seiner Karriere mit einer Adligen zu verloben. Deren Familie fordert zuvor die Begleichung der Schulden aus dem Bankrott seines Vaters. Die überraschend hohe Geldsumme bringt Charles in Verlegenheit. Entgegen seiner Annahme, sein Onkel habe die Sache als familiäre Ehrenschuld längst bereinigt, hat dieser die Gläubiger nur jahrelang hingehalten.

Es ist Eugénie, die als hochvermögende Erbin ihres inzwischen verstorbenen Vaters ihrem nur wenig beschämten ehemaligen Verlobten den Weg zu seinem weiteren Aufstieg ebnet. Sie lässt seine Verlegenheiten durch ihren alten Verehrer aus der Rechtsanwaltsfamilie regeln, mit dem sie ein Ehearrangement eingegangen ist. Dessen Hoffnung, sie möglichst bald zu beerben, schlägt fehl: Er stirbt vor Eugénie. Diese lebt zukünftig schlicht und zurückgezogen in ihrem alten Haus und nutzt ihren Reichtum für Wohltaten, die sie in der ganzen Umgebung beliebt und geachtet machen.

Von der geschilderten Welt der Geldgier und des Ehrgeizes hebt sich Eugénie als Beispielfigur eines achtbaren Daseins ab. Für Balzac ist sie gemäß einer seiner Anmerkungen über Frauen auch als Frau vorbildlich: aufrichtig, bescheiden und treu - dabei von verschönender Güte, eine romantische Marienfigur.

Émile Zola, Nachfolger Balzacs in der zyklenhaften Darstellung gesellschaftlicher Zustände und präzisen Schilderung aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, hätte noch Fragen des genetischen Erbes im Wesen Eugénies diskutiert. Eugénie Grandet ist auch als Hörbuch erhältlich.


Autor: VHSt

Fotos: (c) Wikimedia Commons: Louis-Auguste Bisson - images.nzz.ch

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HBZ · 09/2019

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