Émile Zola (1840-1902, Paris)
Romanschreiber, Literaturtheoretiker und Journalist
In der Nachfolge Balzacs, des moralisierenden Schöpfers exemplarischer Gestalten einer extrem materialistisch orientierten französischen Gesellschaft des 19. Jh. (s. HBZ 7+8/19), steht als sein bedeutender Bewunderer der Schriftsteller Émile Zola.
Die Serie Rougon-Macquart
In 20 Romanen (erschienen 1871-1893), mit einem Personal verelendeter Arbeiterschicht, Bauern, Intellektueller bis zum neureichen Bürgertum und Adel, lassen sich die Lebenswege einzelner Mitglieder der Familie Rougon-Macquart über einen Zeitraum von etwa 1851 bis 1872 verfolgen. Er umfasst die Regierungszeit des sog. Zweiten Kaiserreichs Napoléons III., mit ihrem obskuren Beginn (Staatsstreich) und ihrem katastrophalen Ende, der Niederlage im Krieg gegen Preußen. In diesem Staatsgetriebe mit einer Führung von zweifelhafter politischer Moral florieren Karrieristen, Spekulanten und ihre Parasiten sowie Weltverbesserer, angesiedelt in unterschiedlichen Milieus.
Beginnt Das Glück der Familie Rougon (1. Roman, 1871) schon mit einer skrupellosen Machtergreifung der zwei Halbbrüder Pierre und Antoine Rougon-Macquart in ihrem Heimatort Plassans zur Zeit des politischen Umsturzes 1850/51, so erscheinen Mitglieder der Familie in allen folgenden Romanen meist zwielichtig.
In Die Beute (2. Roman, 1871) ist Eugène Rougon, ältester Sohn von Pierre, bereits als Parteigänger Napoléons III. zum hohen Beamten aufgestiegen, dem sein Bruder Aristide mit Familie nach Paris folgt, um von Eugènes Beziehungen zu profitieren. Um die familiären Verbindungen zu verschleiern, legt er sich den Namen Saccard zu.
Seine Exzellenz Eugène Rougon (6. Roman, 1876) zeigt Eugène im Auf und Ab seiner Karriere: Auf dem Höhepunkt als Premier der gesetzgebenden Versammlung, als Förderer seiner Anhänger und gnadenloser Verfolger politischer Gegner, vorübergehend beim Kaiser in Ungnade gefallen und treulos, als diesem ein Attentat droht, dann wieder als Minister mit unbeschränkter Machtbefugnis.
Rougon und sein Bruder Saccard tauchen wieder in Das Geld (18. Roman, 1891) auf. Eugène, im Hintergrund als "Hoffnungsadresse" für Saccard, der im Geschehen der Beute als gewissenloser Spekulant sein errafftes Vermögen verloren hat und sich nun, nach kurzer Anpassung an eine Frau in respektablem Umfeld, fiebrig in neue Projekte (koloniale Ausbeutung) und gewagte Finanzunternehmen stürzt.
Hat man es in diesen Romanen mit der gehobenen Bourgoisie und ihrer ehrgeizigen Anhängerschaft zu tun, sind in dem Familienzweig der Macquart die benachteiligten Gesellschaftsschichten vertreten: z. B. die Wäscherin Gervaise Macquart, sitzengelassen mit zwei Kindern, dann verheiratet mit dem Bauklempner Coupeau. "Ich habe das schicksalhafte Verkommen einer Arbeiterfamilie in der verpesteten Umwelt unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht stehen die Lockerung der Familienbande, der Unrat des engen Beisammenwohnens der Geschlechter, das fortschreitende Vergessen anständiger Empfindungen, dann als Lösung Schande und Tod. Das ist einfach in Aktion befindliche Moral" (Zola, Vorwort zu Die Schnapsbude,(7. Roman, 1877).
Gervaise wiederum ist die Mutter von Nana (9. Roman, 1880), Blumenbinderin, wegen ihres aufreizenden Aussehens an einer Bühne engagiert, finanziert von ihren männlichen Bewunderern, besonders von dem ihr verfallenen Adligen Muffat. Selbstverliebt ist sie eher geschmeichelt als gekränkt von dem offenbar durch sie inspirierten Text eines Feuilletonisten über "die Lebensgeschichte einer jungen Person mit lauter Trinkern als Vorfahren; […] die lange Vererbung von Schlamperei und Trunksucht hatte das Blut verdorben und bei der jungen Person zu einer Überreizung des sexuellen Empfindens geführt. In einer Vorstadt aufgewachsen, machte sie derzeit das Pariser Pflaster unsicher, […] ihre üppige Erscheinung gemahnte an eine mitten auf dem Mist emporgeschossene Blume - (daher) hatte […] sie keine Schwierigkeiten, die Armen und Verkommenen zu rächen, deren Erbe sie in sich trug. Mit ihr kam die Fäulnis, die man in den unteren Schichten ruhig gären ließ, nach oben und zerrüttete die Aristokratie" (Zitat aus Nana).
In dem Zitat deutet sich das zweite Prinzip an, nach dem Zola verfährt: außer dem verdorbenen Milieu einer dekadenten Epoche produziert Vererbung menschliches Schicksal. Herausgefordert vom damaligen Aufschwung der Naturwissenschaften (Entwicklungsgedanke!) spürt Zola in seiner Personengestaltung beiden Faktoren nach und wird so zum Initiator des sog. Naturalismus.
Allerdings relativiert er in Dr. Pascal (20. Roman, 1893) - Pascal ist ein Sohn des Ehepaars Rougon aus Band 1 der Serie - seine Theorie, indem Pascals Werk über vererbbare Nervenkrankheiten nach seinem Tod von seiner jungen Witwe verbrannt wird, um den neugeborenen Sohn nicht unnötig zu belasten. Nicht intellektuelle Bemühung um bessere Weltzustände gibt Hoffnung, sondern ein Kind.
Als Journalist wurde Zola bekannt durch seine Sympathie für den Impressionismus und seine flammende Verteidigung des zu Unrecht der Spionage für Preußen angeklagten und verurteilten Militärs Dreyfuß (J'accuse, Offener Brief, 13.01.1898). Das brachte ihm eine Haftstrafe ein, der er sich durch ein Jahr Exil in London entzog.
Autor: G.B.
Fotos: Wikimedia Commons, Fotograf: Félix Nadar (1820-1910)
HBZ · 10/2019
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