Hamburger Geschichtswerkstätten
Die Geschichtswerkstatt Eppendorf
Im Westen der Alster liegt der altehrwürdige Stadtteil Eppendorf, der heute zum Bezirksamt Hamburg-Nord gehört.
Initiative aus dem Kulturhaus
Eppendorf ist seit seinen Ursprüngen ein Stadtteil des christlichen Lebens, der Musik, Kunst und Kultur. Nach Jahrhunderten des typischen Klosterlebens mit einem authentisch dörflichen Charakter gelangte die kleine Ortsgemeinde unter hamburgische Verwaltung. Aus Eppendorf stammten viele berühmte Persönlichkeiten wie der Kantor Samuel Heinicke, Begründer der ersten Taubstummenschule in Deutschland; Dr. Max Schede, Mitbegründer des Universitätsklinikums; der kommunistische Politiker Ernst Thälmann; der Philologe und Publizist Walter Jens oder die Fußballlegende Uwe Seeler. Einem Sohn des Stadtteils gilt allerdings bis heute eine ganz besondere Aufmerksamkeit: Wolfgang Borchert, dem Dichter und Schriftsteller, der die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die finstere Herrschaft der Nationalsozialisten mit seinem eher überschaubaren Gesamtwerk auf eine ganz eigene, bemerkenswerte Weise verarbeitete. Mit seinem Drama Draußen vor der Tür erlangte Borchert, der bereits im November 1947 im Alter von nur 26 Jahren starb, Weltruhm.
100. Geburtstag von Wolfgang Borchert
In Anlehnung an das literarische Schaffen Borcherts gründeten einige Eppendorfer im damaligen Kulturhaus eine kleine Initiativgruppe zur Stadtteilgeschichte, die umgehend einen großen Zuspruch aus der Öffentlichkeit erhielt. Zeitzeugenberichte, Dokumente und allerlei Bildmaterial umfassten schnell ein aussagekräftiges Archiv und der Weg zur heutigen Geschichtswerkstatt war geebnet. Das Werk und Leben Wolfgang Borcherts wurde anlässlich seines 100. Geburtstages in diesem Jahr besonders gewürdigt. Im Rahmen des Literaturfestivals "Hamburg liest Borchert", das aufgrund der immer noch aktuellen Corona- Pandemie fast ausschließlich online stattfand, lasen Hamburger Persönlichkeiten, darunter auch der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher, Texte von Borchert und vor seinem Geburtshaus erinnerten 100 Postkarten an den Dichter. "Die Veranstaltung wurde von der Kulturbehörde und vielen Organisationen veranstaltet, zu denen auch wir gehören", so Sabine Mauer. Die Geschichtswerkstatt Eppendorf arbeitet zu derartigen Veranstaltungsrahmen gern mit der Eppendorfer Kunstklinik im neu geschaffenen Kulturzentrum zusammen, wo auch die Geschichtswerkstatt ihren Sitz gefunden hat.
Geschichtswerkstatt
Hamburg-Eppendorf e. V.
Martinistraße 44 a
Tel.: (040) 780 50 40 30
www.geschichtswerkstatt-eppendorf.de
Archiv der historischen Erinnerung
Die Verantwortlichen der Geschichtswerkstatt nutzten die letzten Jahre und besonders die Zeit der langen Schließungen durch die Lockdown-Maßnahmen aufgrund der Corona-Krise, um die vorhandenen Materialien zur Eppendorfer Geschichte zu digitalisieren. "Wir stellen unser Archiv auch nach und nach bei der Plattform Digicult.de online, um es allen Bürgerinnen und Bürgern auch digital zugänglich zu machen. Für die noch andauernden Scanarbeiten suchen wir auch noch freiwillige Helferinnen und Helfer", sagt Maria Koser. Außerdem setzt sich die Geschichtswerkstatt seit dem Jahr 1992 für den Denkmalschutz in Eppendorf ein und ist Träger für einen ehemaligen Röhren-Luftschutzbunker in der Tarpenbekstraße. Das markante Objekt mit dem verzweigten Tunnelsystem wurde 1940 errichtet und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. In der Zeit nach dem Krieg diente der Bunker anfangs auch als Party- und Jazzkeller. Ein weiteres Anliegen ist der Erhalt des in den 1950er-Jahren errichteten Gebäudekomplexes an der Kümmellstraße, der momentan noch vom Bezirksamt Hamburg- Nord genutzt wird. Da das Bezirksamt allerdings im Jahr 2025 in neue Räumlichkeiten am Wiesendamm ziehen wird, ist die Zukunft des denkmalgeschützten Gebäudes noch ungewiss.
Veranstaltungen, Programme und Kulturaustausch
Die Geschichtswerkstatt Eppendorf ist Bestandteil von vielen Projekten, so auch der seit dem Jahr 1995 laufenden Aktionsinitiative "Stolpersteine". Unter Beteiligung einer Arbeitsgruppe, die seinerzeit noch unter der Führung des Stadtteilarchivs agierte, wurde auch in Eppendorf zur Leidens- und Lebensgeschichte der von den Nationalsozialisten ermordeten oder vertriebenen Menschen recherchiert. Zum Projekt "Stolpersteine" erschienen 23 detaillierte Publikationen, eine zu Eppendorf und Hoheluft Ost und 22 aus den anderen Stadtteilen Hamburgs, die in der Geschichtswerkstatt, der Kunstklinik oder bei der Landeszentrale für Politische Bildung erhältlich sind. In diesem Zusammenhang veranstaltet die Geschichtswerkstatt auch regelmäßige Führungen zur Spurensuche des jüdischen Lebens im Stadtteil.
Aktuell kann die Geschichtswerkstatt Eppendorf wieder mehr Veranstaltungen und Führungen planen, es ist jedoch ratsam, sich bei Interesse über die genauen Bedingungen zu informieren oder eine entsprechende Anmeldung vorzunehmen. Es gibt Führungen zu den genannten Themenbereichen sowie u. a. einen zwei bis zweieinhalb Stunden langen Rundgang durch die gesamte Geschichte des Stadtteils vom Dorf bis zum heutigen Eppendorf oder auch Rundgänge durch den Eppendorfer Park oder den Hayns Park. Wer die Geschichtswerkstatt Eppendorf einmal besuchen möchte, kann sich nach vorheriger Anmeldung auch eine große Auswahl an Büchern über Hamburg, Eppendorf, Wolfgang Borchert oder die Stolpersteine ausleihen.
Bildergalerie
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Autor: VHSt
Quellen: Hamburger Geschichtswerkstätten, Geschichtswerkstatt Eppendorf, Hamburg.de, Eppendorfer Soziokultur e. V.
Fotos: Mural, Kampe-Wouwer-Gotteswohnungen, Hayns Park © Geschichtswerkstatt Hamburg-Eppendorf e.V., Walther Hundt; Borchert, Borchert-Postkarte mit Handschrift © Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky; alles Weitere © Geschichtswerkstatt Hamburg-Eppendorf e. V.
HBZ · 11/2021
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