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Titelfoto: © Eine Lochkarte war das Vorbild für die Fassade des Kallmorgen Tower, Foto: (c) stahlpress Medienbüro

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Technikwunder Mühle

Ein Besuch im Internationalen Mühlenmuseum in Gifhorn

In den gebirgigen Regionen in Süd- und Mitteldeutschland, etwa im Schwarzwald, waren die an rauschenden Bächen gelegenen Wassermühlen aus dem Landschaftsbild nicht wegzudenken.

Und in den Tiefebenen Norddeutschlands waren Windmühlen die weithin sichtbaren Wahrzeichen der Region. Für uns sind heute die wenigen noch vorhandenen Mühlen romantische Überbleibsel aus der guten alten Zeit. Doch 2000 Jahre lang war das Technikwunder Mühle die wichtigste Maschine der Menschheit.

Ein Hauch vergehender Romantik wird spürbar bei einem Besuch des Internationalen Wind- und Wassermühlenmuseums in Gifhorn. Zurzeit befinden sich auf dem 16 Hektar grossen Freigelände 15 originale oder originalgetreu nachgebaute Mühlen, eine niedersächsische Dorfanlage und am Rande eine russisch-orthodoxe Holzkirche. Gleich am Eingang glaubt der Besucher sich in südlichen Gefilden zu befinden, deren Flair durch die beiden weissen Turmwindmühlen "Irini" aus Griechenland und "Anabela" aus Portugal sowie weiterhin die Windmühlen von Mallorca und Frankreich hervorgerufen wird. Die originalen alten Mühlen sind die rund 150 Jahre alte Kellerholländer-Mühle "Immanuel" aus Dithmarschen ( Schleswig-Holstein), die Bockwindmühle "Victoria" aus Osloss (Landkreis Gifhorn), eine Tiroler Wassermühle mit zwei oberschlächtigen Wasserrädern sowie eine Wassermühle aus Serbien mit Löffelrad-Antrieb.

Das Kernstück der Museumsanlage ist das Ausstellungsgebäude, bestehend aus mehreren kastenförmigen Häusern, die wie Windmühlenflügel miteinander verbunden sind. Die über 800 Quadratmeter grosse Ausstellungshalle bietet Platz für über 40 Wind- und Wassermühlenmodelle aus aller Herren Länder, naturgetreu und massstabsgerecht den Originalen in allen Einzelheiten entsprechend nachgebaut. Sie sind Zeugen eines unwiederbringlichen Zeitabschnitts menschlichen Seins und Tuns, der wieder gegenwärtig zu werden scheint, wenn sich die Mühlenflügel drehen und Aufschluss geben über Funktion und Arbeitsweise der ältesten Maschine der Menschheit. Jedes Modell stellt ein kleines Kunstwerk dar. Neben den Miniaturen ergänzen alte Müllerutensilien, Zeichnungen, Fotos und Pläne sowie ein originaler Kollergang einer Ölmühle die Sammlung.

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

Wasser- und Windmühlen gehören zu den ältesten und wichtigsten technischen Errungenschaften der Menschheit. Die bahnbrechende Kulturleistung des Menschen besteht darin, Muskelkraft durch natürliche Energien, Wasser und Wind, zu ersetzen. Die Mühle, die erste und älteste naturkraftgetriebene Maschine der Welt, hat bereits 1200 Jahre vor Christus in der künstlichen Bewässerung durch Wasserschöpfräder in Mesopotamien ihren Ursprung. Die ersten europäischen Müller waren die Römer. Der Architekturschriftsteller Vitruv beschreibt 24 vor Christus die erste Wassermühle mit einem Steinmahlgang. Die Römer brachten ihr Mühlenwissen in die Rheinprovinzen mit. Im Mittelalter waren es dann zunächst Mönche, die das römische Mühlenwissen bewahrten und im Rahmen der klösterlichen Selbstversorgung weiter praktizierten. Die neuzeitlichen Wurzeln der europäischen Mühlen gehen daher auf das Ingenieurwissen der Klosterschulen zurück.

Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert wurde das Mühlenwissen weltweit vertieft und verfeinert. Stand anfangs die Mühle zur Vermahlung von Getreide im Vordergrund, wurde ihre Antriebskraft bald für eine Vielzahl technischer Arbeitsleistungen herangezogen.

Mit dem Zeitalter der technischen Industrialisierung, besonders der Einführung der Dampfmaschine um 1780, begann die allmähliche Verdrängung der Wasser- und Windmühlen. Im gesamten 19. Jahrhundert und bis in die Nachkriegsepoche des 20. Jahrhunderts hinein blieben Mühlen unverzichtbare Kraftmaschinen. Schliesslich aber verdrängten motorgetriebene, wetterunabhängige Industriemühlen die historischen Mühlen, die schnell in der Produktionskapazität an ihre Grenzen stiessen. Die Wind- und Wassermühlen waren nicht länger konkurrenzfähig, das sogenannte Mühlensterben endgültig.

Unter Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde 1957 das Mühlenstillegungsgesetz verabschiedet. Es bewilligte Müllern und Mühlenbesitzern eine staatliche Prämie unter der Auflage, dreissig Jahre lang die stillgelegte Mühle nicht mehr zu betreiben. Im Zuge der staatlichen Stilllegung wurden die meisten Mühlen aufgegeben. Zählte man in Deutschland im Jahr 1875 noch etwa 70.000 Getreidemühlen, gab es 1966 in der Bundesrepublik nur noch etwa 6.400. Dagegen spielten die historischen Getreidemühlen in der ehemaligen DDR vor der Wiedervereinigung eine ungleich grössere Rolle, die mit festgelegten Mahlkontingenten einen Beitrag zur planwirtschaftlichen Ordnung leisteten.

Heutzutage erfahren die historischen Mühlen eine neue Blütezeit. Mühlenliebhaber, Mühlenvereine, technisch interessierte Besucher und Touristen erkennen die kulturhistorische Bedeutung der Mühlen. Vielerorts werden Mühlen saniert, wieder in Betrieb genommen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wasserschöpfmühlen, Papiermühlen, Knochenmühlen, Kreidemühlen, Gipsmühlen, Papiermühlen, Buttermühlen, Ölmühlen, Kräutermühlen und vor allem die Getreidemühle sind nur einige Beispiele.

Besonders der deutschlandweite Tag der offenen Tür der Mühle, der alljährlich am Pfingstmontag stattfindet, ist zur vielbeachteten Institution geworden.

Erinnern Sie sich noch? Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach,
klipp, klapp!
Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach,
klipp, klapp!
Er mahlet das Korn zu dem kräftigen Brot,
und haben wir dieses, so hat's keine Not.
Klipp, klapp, klipp, klapp, klipp, klapp!
Flink laufen die Räder und drehen den Stein,
klipp, klapp!
Und mahlen den Weizen zu Mehl uns so fein,
klipp, klapp!
Der Bäcker den Zwieback und Kuchen draus
bäckt,
der immer den Kindern besonders gut schmeckt.
Klipp, klapp, klipp, klapp, klipp, klapp!
Wenn reichliche Körner das Ackerfeld trägt,
klipp, klapp!
Die Mühle dann flink ihre Räder bewegt, klipp,
klapp!
Und schenkt uns der Himmel nur immer das
Brot,
so sind wir geborgen und leiden nicht Not.
Klipp, klapp, klipp, klapp, klipp, klapp!


Autor: VHSt
Fotos: Severin

HBZ · 10/2015
 
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