Titelfoto: © Eine Lochkarte war das Vorbild für die Fassade des Kallmorgen Tower, Foto: (c) stahlpress Medienbüro
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Aufgeblättert: Buchtipp
Holpergassengewirr, Zerstörung und Nachkriegsvergnügen
Buchcover: (c) Junius Verlag
Auf der Straße spielende Kinder im Stadtteil St. Pauli, Marktszenen, ein Blick über das Nikolaifleet, Hafenarbeiter beim Verstauen von Stückgut und immer wieder Impressionen aus dem Holpergassengewirr, das Hamburg und das bis 1937 selbstständige Altona einst durchzog.
Der Fotograf Albin Müller hat die beiden Städte ein halbes Jahrhundert - von 1920 bis 1970 - auf einzigartige Weise auf Zelluloid gebannt. Hinter jedem Bild im Band Hamburg. Fotografien 1920-1970 verbirgt sich der professionelle Blick eines " Sehers". Und das ist erstaunlich, denn mit Müller war "offiziell" lediglich ein Amateur am Auslöser!
Gehoben hat den stadthistorisch wertvollen Schatz Bernd Nasner, der jahrzehntelang einen Fotoladen an den Collonaden betrieb: Eines Tages fragte ihn ein älterer Herr in seinem Geschäft, ob er an alten Aufnahmen der Elbmetropole interessiert sei. Ja, war er! Denn Nasner hatte schon lange ein Faible für alte Fotokunst und brachte die schönsten Bilder seiner Sammlung als großformatige Reproduktionen unter die Leute. Der alte Mann entpuppte sich als Sohn von Albin Müller, dessen Aufnahmen glücklicherweise nun wieder "ans Licht" gelangen. Wer das liebevoll gemachte Coffeetable-Buch durchblättert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Müller hat Alltagsszenen eingefangen, die mehr über die Zeit ihres Entstehens aussagen als jede literarische Beschreibung - so zum Beispiel die in der Trümmerlandschaft auf dem Heiligengeistfeld ihre Kunststücke staunenden Zuschauern präsentierenden Artisten. Ein Nachkriegsvergnügen, das heute wohl kaum jemanden beeindrucken würde. Müller hat auch die Wucht der Zerstörungen der "Operation Gomorrha" dokumentiert. Zu sehen sind ausgebrannte Autos und Tresore, zu Gerippen der Stadtlandschaft erstarrte Hausfassaden oder Eisengitter, die windschief aus Ziegelsteinhaufen ragen.
Das Grauen wird am Ende des Buchs verdrängt vom Wiedererwachen der Stadt in den 1950er- bis 1970er-Jahren. Auf der Reeperbahn, in Planten un Blomen oder an der Alster lautete das Motto nun "Rein ins Vergnügen!" Auch die neue Zeit hat Albin Müller mit geübtem Auge perfekt in Szene gesetzt. Chapeau!
Albin Müller: Hamburg. Fotografien 1920-1970, Junius Verlag, Hamburg 2024, 256 Seiten, 49,90 Euro
Autor: VHSt
HBZ · 04/2025
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