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Geschichten aus Hamburgs Geschichte
'Kleine Stadt' in der Stadt
Frühling im Steenkamp Ende der 1920er-Jahre, Foto: (c) Archiv der Heimstättervereinigung Steenkamp e.V
Wohnraum in der früheren Arme-Leute-Siedlung Steenkamp ist heute wieder begehrt.
Heute wird in Hamburg Wohnungsknappheit beklagt. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in der Hansestadt und im benachbarten Altona pure Wohnungsnot. Die betraf vor allem sozial schwächer gestellte Menschen, die oft in Familienverbänden zur Untermiete lebten oder in unbeheizten Wohnungen hausten, bisweilen sogar auf nicht isolierten Dachböden. Wer nicht zu den Wohlhabenden gehörte, litt unter extrem engen und unhygienischen Wohnverhältnissen. In dieser Situation galt der von 1914 bis 1926 auf 22 Hektar realisierte Bau der Steenkamp-Siedlung in der damals selbstständigen Stadt Altona als wegweisend. Ziel der um das Jahr 1910 aufkeimenden Gartenstadtbewegung war es, "in gemeinnütziger Weise für minderbemittelte Volkskreise Einfamilienhäuser zu schaffen". Die Siedlung war beispielhaft für die Umsetzung moderner sozialer Reformpolitik und sollte vor allem Kriegsheimkehrern und armen Familien ein attraktives Zuhause bieten.
Altona als Vorreiter
In Altona waren die Voraussetzungen für einen Wandel optimal. Es gab ausreichend Flächen in städtischem Besitz, eine kreative Bauverwaltung und den politischen Willen, dem Elend entgegenzutreten - und zwar durch die Errichtung einer Siedlung mit 760 Wohnungen und Häusern mit guter Ausstattung, einem Garten zur Selbstversorgung sowie einer Infrastruktur mit Freizeitmöglichkeiten, Läden und öffentlichen Plätzen zur Pflege des sozialen Miteinanders. Der Name "Steenkamp" basiert auf einer alten Flurbezeichnung. Dabei handelt es sich um Flachland, das rund 40 Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Impression der Straße Rosenwinkel Ende der 1950er-Jahre, Foto: (c) stahlpress Medienbüro/Burmeister
Altona leistete mit dem Bau der Siedlung einen wichtigen Beitrag zum Typus der Reihenhaussiedlung, "jener Alternative zum Geschosswohnungsbau, die die Siedlungsbewegung vor und nach dem Ersten Weltkrieg propagierte", notierte der renommierte Kunsthistoriker Hermann Hipp. Als Vorbild dienten die englischen Gartenstädte mit ihren lichtdurchfluteten Häusern und Gärten, deren Zweck weniger die Erholung war als der Anbau von Obst und Gemüse.
Von 1919 bis 1920 entstanden unter Federführung des städtischen Wohnungsunternehmens Gagfah, das zusammen mit der Stadt Altona die Heimag gründete, zunächst 478 Wohnungen unterschiedlichen Bautyps - vom Einfamilienhaus bis zu 54 Wohnungen in Ledigenheimen und 19 bei den Läden, die der Versorgung dienten.
Gustav Oelsner, der als Altonaer Bausenator seit 1924 die Stadtentwicklung in Hamburgs Nachbargemeinde maßgeblich mitbestimmte, konstatierte, der Steenkamp sei neben Hellerau und Staaken in Berlin eines von drei großen Projekten, die den Siedlungsbau eingeleitet hätten: "Als niemand wagte, den beinahe unüberwindlichen Schwierigkeiten des Baustoffmangels, der Geldnot, der Arbeitskrise zu begegnen, hat die Gagfah begonnen, und die Stadt Altona fortgesetzt bis zu dem Ziele, dass eine neue kleine Stadt entstand, so groß, wie eine holsteinische Mittelstadt."
Gelungene Gartenstadtsiedlung
In wirtschaftlich schwierigsten Zeiten gelang es, in mehreren Phasen eine architektonisch gelungene Gartenstadtsiedlung zu schaffen. Hunderte Einfamilienhäuser - die meisten als Reihenhäuser - mit Gärten und Stallungen entstanden, ergänzt durch Gemeinschaftseinrichtungen, kleine Läden und ein Kaufhaus. Dies alles wurde erschlossen durch ein engmaschiges Netz schmaler Wohnstraßen, in deren Mitte ein Platz das Zentrum der Siedlung markiert. Später übernahm die neu gegründete SAGA den Weiterbau. Sogar während der Hyperinflation 1922/1923 wurden weitere 167 Wohnungen erstellt - trotz großer Materialnot. Am Ende zählte "eine der größten und bedeutendsten Siedlungen Deutschlands" (Quelle: Neues Altona 1919-1929) 664 Einzelhäuser, 83 Wohnungen in Häusern und 15 Läden. Dazu vier Häuser für "Kriegsblinde" am Kielkamp, überlassen auf Lebenszeit.
Rosenblüte im Steenkamp, Foto: (c) stahlpress Medienbüro/Burmeister
Die Siedlung als soziale Gemeinschaft
Berühmt war laut Kunsthistoriker Hermann Hipp in den 1920er-Jahren vor allem das gut funktionierende Gemeinschaftsleben in der Siedlung, die sich an der Lebensreformbewegung orientierte, mit genossenschaftlich organisierter Gartenarbeit und Erntefesten. 1937 lebten bereits 4.000 Menschen im Steenkamp. Ein wesentliches Merkmal des Heimstätten-Konzepts war die Verantwortung jeder Mietpartei für die Instandhaltung ihres Hauses. Im Gegenzug erhielt sie ein vererbbares Mietverhältnis. Der Gemeinschaftssinn wurde mithilfe einer eigenen Zeitschrift, Festen im Lindenkrug und der Gründung der Steenkamper Wirtschafts- und Einkaufsgenossenschaft gepflegt. Dazu gehörte auch ein Kaufhaus der genossenschaftlichen "Produktion", kurz: PRO.
Spätestens Mitte der 1980er-Jahre herrschte in der nun etwas verwunschen wirkenden Enklave zwischen Ebertallee, Osdorfer Landstraße und Notkestraße akuter Sanierungsbedarf. Von den Fassaden löste sich der Putz, die Fensterrahmen verwitterten, Farbe blätterte ab. Anfang der 2000er-Jahre schwappte durch den Steenkamp dann eine eine Privatisierungswelle. Das SAGA-Verkaufsprogramm hieß "Endlich meins". Nach anfänglichem Widerstand griffen viele Steenkamper zu - und erfreuten sich bald einer rasanten Wertsteigerung der oftmals maroden Häuser. Wohnraum war wieder knapp, und für die Immobilien in guter Lage wurden Preise bis 698.000 Euro aufgerufen - zuzüglich 87.878 Euro "Nebenkosten"! Wenn der alte Gustav Oelsner das mitbekommen hätte
Bildergalerie
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Autor: Volker Stahl
HBZ · 01/2026
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